DER STÖR

Um Sinnlosigkeit besser zu verdauen, nehme man einen Grappa aus langeingelegten und gegorenen Geschichten aus dem altem Gebiet. Zu erkennen, dass Veränderungen, Metamorphosen und andere Kettenreaktionen das angestammte Heimgebiet nicht nur schon immer besucht haben, sondern dieses stets auf lawinenhafte Weise überrollten, hilft bei der Verdauung. Und dass die Bergteufel, die tollend Verrückten, noch immer in uns stecken, in uns vielgespaltenen Gestalten, ist eine salzig-herbe Erkenntnis, die so steinhart auf den Hauptgang folgen muss, wie ein Stück Käse dies eben tut.

Bei einer sofortigen Zerstörung der Talsperren des Sihlsees könnten Teile der Stadt Zürich bis zu acht Meter unter Wasser gesetzt werden. Die Flutwelle würde die Stadtgrenze in Leimbach in eineinhalb Stunden, das Stadtzentrum in knapp zwei und die entfernte Stadtgrenze bei Altstetten in knapp drei Stunden erreichen.

 

Ausgehend von dieser realen Bedrohung, welcher kaum jemand ernsthaft Beachtung schenkt, folgt der Theatertext DER STÖR dem Flussverlauf der Sihl zurück in die Berge. Mehrere narrative Fäden spinnen sich zusammen und geben ein Bild von der Schweiz als einem Land der verworrenen Mythen und Naturgewalten, der verdeckten, bürgerlichen Scheusslichkeiten und der starren Angst vor Veränderung.

 

 

DER STÖR wurde von Noemi Egloff geschrieben. Eine Kurzfassung des Stücks gewann den 12. Marburger Kurzdramenwettbewerb und wurde in der Inszenierung von Fränk Heller am 30. Oktober 2015 am Theater GegenStand uraufgeführt. Weitere Teile des STÖRs wurden  von Noemi Egloff und Marta Piras am Theater in allen Räumen 2015 aufgeführt. Ebenso veranstalteten Noemi Egloff und Marta Piras im gleichen Jahr eine Fisch-Sezier-Lesung im Rahmen von R.A.U.S. am Puka Puka Spielort des Theater Neumarkt. 

text auszüge

 Mutter           Du bist nicht gestört.

Michael         Gestört.

Mutter           Ja. Pause. Nein. Bist du nicht.

Michael         Lustig. Gestört.

Mutter           Was?

Michael         Ich bin gestört.

Mutter           Nein-du-bist-nicht-gestört

Michael         Nein-ich-bin-nicht-gestört-ich-bin-ein-stör-der-gestört-ist-und-deshalb-stört-                                der-stör- leise -der-gestörte-stör-stört

 

 

 

Ob es die Faszination an einem Etwas ist, welches in die eigene Welt einbrechen könnte, verborgen Sedimentiertes aufwühlen würde und die Dämme der bis dahin geltenden Realitätsordnung im reissendem Schlamm verschwinden würden. Das Ausmass dieses potenziellen Einbruches apokalyptisch an die Öffentlichkeit gemalt zu sehen...

Oder ob plötzlich etwas zu sehen, das eigentlich wirklich im Innern versteckt bleiben sollte. Etwas, was höchst ungesund ist, sollte es je an die Sichtfläche gelangen und dessen blosser Anblick per Mutternaturgesetz eine Warnung darstellt…

Ach es sind diese verborgenen, Quellen, die in tieferen Ebenen gerne vor sich hingären, und Gasblasen bildend darauf warten, dass jemand eine Bombe zündet und die Oberflächenschicht abgetragen wird. So dass der Blick auf unterirdische Flüsse fällt, welche jetzt freigelegt wandern. So wie das Wasser aus einer Badewanne ausläuft wenn man den Stöpsel zieht, damit das Ausmass der Katastrophe sanft ans Tageslicht gehoben wird.

 

 

 

Da sitzen sie, die Werschaft-Selbstgerechten, als gehöre das ihnen, klammern sich an das Land als wärs ne Nuckelflasche, die ihnen was gäbe seit immer schon – waren sie nämlich da, die Berge die stehen da, egal was passiert, bomben nukleare sintfluten, und diese Menschen stellen sich neben sie – blind und taub für alles was grösser ist als sie, und erhabener – doch laute Kehlen haben die Parasiten, diese eingeschworen eingeborenen Geschwüre

Viele sagen, der Mensch das ist auch nur eine Epidemie, das wird sich wieder legen.